Leseprobe aus "Weniger"

Foto © Antje Döhring
Foto © Antje Döhring

Jasmin erscheint erst kurz nach dem Abendessen, was zu einer
längeren – und ebenso unergiebigen wie unerfreulichen – Diskussion
mit ihr darüber führt, was Verlässlichkeit und Respekt
innerhalb der Familie bedeuten und inwiefern Jasmin sich daran
zu beteiligen habe. Mit pflichtschuldig betretener Miene hört die
Tochter sich Sabines Vorhaltungen an und nickt. Doch im Inneren
beschleicht sie der Eindruck, dass das Mädchen mit den Gedanken
eigentlich woanders ist. Vielleicht tut ihr das viele Zur-Schau-Gestelle
in der Tanzgruppe nicht gut? Träumt Jasmin vielleicht heimlich
von einer Star-Karriere? Oder was junge Mädchen eben dafür
halten, welche es offenbar für ein lohnendes Lebensziel erachten, im
Hintergrund eines dunkelhäutigen, mit fetten Goldketten behängten
Rappers die kaum bedeckten Hintern zu schwingen.
»Hörst du mir überhaupt zu?«, schleudert sie ihrer Tochter ratlos
entgegen.
»Aber klar doch, Mama«, kommt es darauf lammfromm aus
Jasmins Mund, »du hast gesagt, ich soll immer genau vorher sagen,
wann ich zu wem gehe. Das Blöde ist bloß, dass ich das vorher nicht
immer so genau wissen kann. Die Mädels machen sich das schnell
aus, und dann simsen sie alle aus der Gruppe an. Aber ich kann dir
gern immer Bescheid geben, wann ich dort ungefähr fertig bin«, bietet
sie diensteifrig an.
Das klingt vernünftig. Dennoch wird Sabine den Verdacht nicht
los, dass sie damit nur zufriedengestellt werden soll. Diese Tanzgruppe.
Anfangs fand sie es schön, dass das Kind mit seinem zweifellos
rhythmischen Talent sich dort bewarb und auch akzeptiert
wurde. Langsam jedoch bereut sie, es erlaubt zu haben. Wenn das
Stadtfest vorbei ist, wird sie mit Thomas mal darüber reden müssen,
wie das weitergehen soll.
Nein, mit Schimpfen kommt sie hier auch nicht weiter. »Sei einfach
in Zukunft etwas ehrlicher, und versuche zumindest, mich auf
dem Laufenden zu halten, wenn du dich verspätest«, lenkt Sabine
deshalb ein. Versöhnlich streicht sie dem Mädchen über den Oberarm.
Jasmin hält den Kopf gesenkt.

Irgendwie – das Kind hat auch schon mal besser ausgesehen.

Ob sie zu viel Stress in der Schule hat? Oder zu wenig schläft?

Sabine hat den Verdacht, dass sie abends noch ewig vor dem

Einschlafen liest, Musik hört, irgendwelche Handy-Spielchen

oder der Himmel weiß was macht. Vielleicht auch, dass
das Mädel einfach zu wenige Vitamine zu sich nimmt. Das wird es
sein; Sabine legt augenblicklich für sich fest, in nächster Zeit mehr
darauf zu achten.


»Ist irgendwas? Du guckst so.« Jasmins Züge werden noch eine
Spur abweisender, wenn das überhaupt möglich ist.

»Was sollte auch sein?«, fährt sie fort. Tonlos, aber ohne diese betont gedehnte

Genervtheit, welche diese Standardantwort aus dem Repertoire eines
Teenagers auf diese blöde Standardfrage eines Elternteils eigentlich
erforderte.
Sabine merkt auf. Da ist tatsächlich etwas. Hat ihre Tochter etwa
irgendeinen Kummer? »Kindchen, hast du Sorgen? Irgend ’ne neue
Physik-Sechs vielleicht?« Sabine versucht einfühlsam und gleichzeitig
locker zu klingen, so nach »alles halb so wild«.
Jasmin schüttelt nur lustlos den Kopf. »Nee nee, in Physik schreiben
wir erst in vierzehn Tagen eine Arbeit; ich lerne mit Katharina
schon mal dafür. Und sonst gibt’s auch keine bösen Zensuren zu vermelden.
Alles paletti«, wehrt sie ab.
»Und weiter?«, insistiert Sabine.
»Was – und weiter? Nichts, und weiter. Bin bloß bisschen müde.«
Also doch, denkt Sabine, das Kind schläft zu wenig, ich muss das
abends mal etwas mehr kontrollieren. Damit lässt sie es bewenden,
drückt Jasmins Schulter und geht.

*


Mama hat keine Ahnung. Leider. Manchmal wünscht Jasmin, sie
könnte mit ihr reden. Nicht so, wie die sich »miteinander reden«
vorstellt, eben nach Mama-Regeln. Selbst wenn man versucht, sich
ihr anzuvertrauen: Mama packt es einfach nicht, mal normal, einfach
»richtig« zu reagieren. Sie verfällt oft in so eine panische Besorgtheit:
Jasmin, aber du musst bessere Noten schreiben! Aber du musst zielstrebiger
werden. Was soll denn aus dir werden, wenn das Gerangel
um die Ausbildungs- und Studienplätze losgeht; willst du von all
denen mit besseren Zeugnissen auf Hartz IV abgeschoben werden?
Du musst ordentlicher werden, denn Ordnung ist das halbe Leben.
Jaja, aber eben auch nur das halbe … Wenn überhaupt. Bloß das
kapiert Mama einfach nicht. Wenn sie nicht diesen besorgten

Betroffenheitsblick kriegt, dann schimpft sie: Jasmin, so geht das nicht
weiter. Dein Vater und ich – wir werden in Zukunft wohl mehr
durchgreifen müssen. Wer nicht hören will, muss fühlen. Wir streichen
dir den Fernsehkonsum, nehmen dir dein Handy weg und das
Taschengeld gleich auch noch. Davon kaufst du ja sowieso nur verdummende
Zeitschriften und Schminke. Als wenn Schminke etwas
für ein fünfzehnjähriges Mädchen wäre; Kind, du musst Prioritäten
setzen lernen …


So geht das in einem fort. Dabei hat sie lediglich andere Prioritäten
als Mama. Na und? Die selbst guckt ja auch Fernsehserien,
welche nicht weniger verdummend sind als Jasmins Bravo. Sie geht
nicht einmal ungeschminkt in ihr Rathausbüro. Jasmins Priorität
liegt eben eher auf Leben, Fun haben, gechillt sein, als darauf, immer
alle T-Shirts auf Kante im Schrank liegen zu haben und jedes alberne
Geografie-Arbeitsblatt abzuheften, allgemein: sinnloses Zeug zu lernen.
Das nützt ihr, wenn sie mal tot ist, auch nichts. Im Leben Spaß
gehabt zu haben, wohl eher.
So aber vergällt ihr Mama das Leben. Anstatt, dass sie sich mal
gelassen zurücklehnen würde, sie anlächeln und ihr sagen, dass sie
ihr vertraut, dass Jasmin am besten wisse, was gut für sie ist, macht
Mama sich um sie Sorgen.

 

Sorgen. Vor allem wohl aber eher nur um sich – weil Jasmin nicht
in ihr Bild von einer perfekten Tochter reinpasst. Dabei hat sie Mama
wirklich lieb, echt jetzt. Doch irgendwie ist da immer so eine Papierwand
zwischen ihnen, da kommt sie nicht durch. Sobald sie nur ein
klitz ekleines Loch reinpuhlt, um Mama nahe zu sein, macht sie sich
schon wieder Gedanken, was es für die schöne Fassade wohl bedeutet,
wenn da jetzt ein Löchlein in dem schönen Origami-Papier ist …
Dabei gibt es auf der Welt wirklich so viel Wichtigeres. Ja, Mama und
Papa behaupten zwar gern, sie liebten Jasmin und hätt en sich schon
auf sie gefreut, als sie noch »Quark im Schaufenster« war. Schön und
gut. Dennoch. Die Welt würde sich ohne sie, Jasmin Lorenz, keinen
Deut anders bewegen, als sie es jetzt tut. Die Welt würde sie nicht
vermissen. Keine Millisekunde.


Überhaupt, diese Welt. Gestern hat sie seit Langem mal wieder
die marktschreierischen Schlagzeilen der Zeitungsnachrichten überflogen.

Lediglich überflogen, und trotz dem hätte ihr fast das Kotzen
kommen können, und ihre Netz haut hat Bilder erfasst, welche sie am
liebsten gar nicht erst gesehen hätt .
An einem einzigen Tag: eine bunte Auswahl an neuen Kriegstoten
im Nahen Osten. Waffenlieferungen in Millionenhöhe aus dem Westen

in genau diese und andere Krisenregionen. Ein Kind
mit nur einem halben Gesicht wurde irgendwo geboren und feiert
seinen dritten Geburtstag. Ein kleiner Junge wurde an der Küste
vergewaltigt, stranguliert und im Wald entsorgt wie Sperrmüll. In
Nordkorea wird eine Hungersnot vermutet, im Süden frisst sich eine
nie da gewesene Dürre durch die Landschaft, während weit im Osten
eine Flutwelle wieder ganze Ortschaften zu verschlingen droht.
Irgendein bekloppter Meteorit rast auf die Erde zu und wird sie –
davon sind einige obskure Pseudowissenschaftler überzeugt – dieses
Mal treffen und so alle möglichen Sünden der Welt auslöschen. Dort
werden Menschen wegen ihres Glaubens geköpft, da wegen ihrer
sexuellen Orientierung zu Tode geprügelt.
Was soll Jasmins denn, bitte schön, in solch einer Welt – voller
Grauen? Nee, danke, liebend gern würde sie sich schlagartig einen
anderen Planeten suchen. Geht bloß nicht so leicht. Am besten komplett
verschwinden von dieser bescheuerten Welt. Auf der sie – immerhin,
ohne dass man sie zuvor gefragt hätte – zu leben gezwungen ist.

Das ziehe man sich bitteschön mal rein. Ein ganzes Leben – ungefragt.
Das ist Höchststrafe! Weg von hier … Sie ist doch sowieso
völlig bedeutungslos. Ein Staubkorn im Wüstensand, aber ein Staubkorn,
das leidet. Nur Paolos Zuneigung macht das alles erträglich.

 

© Antje Döhring

 

- Ende Leseprobe 1 -

 

LESEPROBE 2

 

Sie fühlt sich entsetzlich heute Abend. Am Morgen konnte Jasmin es geschickt so hinbiegen, als äße
sie zum Frühstück ein paar Happen (wieder einmal gekonnt entsorgt, als niemand hinsah) und
nähme ein ordentliches Pausenbrot mit in die Schule. Von wegen. Jasmin hatte sich geschworen, die
Menge des Abendessens mit Fasten morgen auszugleichen. Davon wird sie schon nicht gleich
wieder in Ohnmacht fallen.
Mama hatte mit derart stolz geschwellter Brust und so strahlenden Augen ihre Spezialrouladen mit
Rotkraut und Klößen serviert und dabei einen so hoffnungsvollen Blick auf ihr ruhen lassen, dass
Jasmin sich nicht mit fast nichts auf dem Teller bescheiden konnte. Also hatte sie brav von allem
etwas gegessen und bei jedem Bissen die in sie eingefüllten Kalorien berechnet und geradezu auf
ihre Hüften kriechen sehen. Sie will Mama einen Gefallen tun. Die hat sich so viele Sorgen
ihretwegen gemacht in letzter Zeit. Das weiß sie, auch wenn Mama das natürlich nicht sagt. Nur oft
seufzt.


Ein bisschen muss sie außerdem wirklich zunehmen, wegen der Frankreichreise. Aber wirklich
kein Gramm mehr als gefordert, bitte. Schlimm, dass sie von so einer normalen
Erwachsenenportion, die sie gerade verdrückt hat, ganz bestimmt mächtig zunehmen wird. Genau
das, was die Ärzte von ihr sehen wollen. Genau das, was ihre Familie von ihr erwartet. Und Dr.
Neubert, Therapeutin Mareike, ihre Schulfreundinnen, selbst Trixi, einfach alle. Sogar Patrick und
Jenny beäugen ihr Essverhalten, ihren Körper unter den kaschierend weiten Kleidern. Wie nervig
das ist.
Wie rührend das ist … Alle sind sie so besorgt, dass es Jasmin manchmal richtig schwerfällt,
doch ihr Essen wieder heimlich wegzukippen oder so zu tun, als käme all das verdreckte Geschirr in
der Küche von einer Jasmin-Koch-und Schlemmerorgie. Dabei kocht sie oft nur, wenn jemand in
der Nähe ist, damit es lecker aussieht und gut riecht in der Küche. So, als esse sie viel und gern …
Die entspannten Gesichter der Familie an solchen Tagen!
Mamas Mühe mit den Rouladen. Hach, zugegeben, geschmeckt hat es super. Anfangs. Doch ihr
Magen schmerzte schon nach wenigen Bissen. Der ist solche Mengen einfach nicht mehr gewöhnt
und das Gefühl des Überfressenseins danach bescherte ihr Übelkeit. Nein, in die Bulimie will sie
nicht auch noch abrutschen, das findet Jasmin würdelos.


Aber ach … Jasmin wagt von ihrem Bett aus, auf welches sie sich rücklings geworfen hat, um
den Magen zu entlasten, einen Blick schräg gegenüber in den Spiegel am Kleiderschrank. Sie hebt
das Sweatshirt und das Unterhemd etwas hoch. Den Hosenbund der Jogginghose hat sie wegen des
Magendrucks schon runtergeschoben. Und? Eben: Ihr Bauch wölbt sich eklig auf. Jasmin kann gar
nicht hinsehen, mit Tränen in den Augen und einem Kloß im Hals wirft sie sich auf die Seite und
starrt die Wand hinter ihrem Bett an. Das Poster von Robert Pattinson in der Rolle von Edward
Cullen aus der Twilight-Serie wellt sich am unteren Rand, die Farben sind mittlerweile etwas
verblichen.
»Ich halte das nicht aus, ich kann es nicht ertragen, wieder zuzunehmen«, murmelt Jasmin
verzweifelt vor sich hin. Sie will zwar alle diejenigen nicht enttäuschen, welche hoffen und bangen,
dass Jasmin wieder isst und gesund wird. Doch Über-Ana ist oft stärker als sie; schon beim bloßen
Gedanken an Nahrungsmittel brüllt sie ihr ihre Regeln ins Ohr, beschimpft sie als schwach und fett,
macht sie fertig.


Längst geht es Jasmin nicht mehr um Beyoncé-gleiche Kurven, um Sexiness und gutes
Aussehen. Das Hungern hat sich davon losgelöst. Ist ein Symbol ihrer Macht geworden. Der
leichtere Körper – ein Triumph über sich selbst, aber auch über alle, welche sie in ihr Schema zu
pressen versuchen: Jasmin, sei fleißig; Jasmin, benimm dich anständig; Jasmin, mach etwas aus
deinem Leben; Jasmin, wir wissen, was gut für dich ist; Jasmin, mit dieser Einstellung wirst du
bestimmt keinen Erfolg im Leben haben …
Sie hat längst nicht mehr das Gefühl, auf einer Schulter hocke das Engelchen und auf der
anderen das Teufelchen, und beide quasselten mit ihren Meinungen auf sie ein. Nein, immer
häufiger kommt es ihr so vor, als sei sie selbst zwei Personen gleichzeitig: die eine Jasmin, die zur
Hoffnung Anlass Gebende, die Zukunftsberechtigte, die Vernünftige. Die, welche zunehmen will,
weil sie weiß, dass alles andere krank ist, sie am Ende dauerhaft zerstören könnte.
Und die andere. Die Jasmin, welche stundenlang düster die Wand anstarren kann, weil sie das
leere Loch in sich hasst, das ihr Zentrum geworden ist: der leere Magen als Ausdruck einer
hoffnungslosen, endlos öden Landschaft, als die sich manchmal ihr Leben jetzt und später vor ihr zu
erstrecken scheint. Sie selbst: Fett, hässlich, nutzlos. Weniger-ist-mehr. Die beiden Jasmins
begegnen sich dennoch nie. Mal ist die eine da, dann wieder die andere. Doch jede zieht sie in ihre
Richtung, zerrt an ihr, stellt ihr Gründe und Beweise vor und dass dieser Standpunkt der einzig
richtige sei …


Mit leerem Blick schaut Jasmin in Theklas Terrarium. Sie hat Patrick erlaubt, dass er sie bei ihr
zwei Wochen einquartiert, damit Thekla nicht so allein ist, bis er aus Potsdam zurückkommt. Als
Gegenleistung dafür, dass er sie nicht bei den Eltern verpetzte, als er sie voriges Wochenende dabei
ertappte, wie sie einen ganz frischen Käsetoast im Mülleimer unter Kartoffelschalen versteckt hatte.
Die Vogelspinne hockt in der vorderen linken Ecke an einer Baumwurzel, welche Patrick dort
vor einiger Zeit hingelegt hat. Ob sie wach ist oder schläft? Spinnen haben viele Augen – und
trotzdem kann man nicht sehen, ob sie pennen oder einen beobachten. Thekla hat sich gut unter
einem wie Schimmel aussehenden, dicken Netz zur Hälfte verborgen, man muss sich etwas
vorbeugen, um sie in ihrer Kokonhöhle erkennen zu können. Jasmin wünscht sich auch solch einen
Kokon.

© Antje Döhring

 

- Ende Leseprobe 2 -